pedemontanum

Mitteilungsblatt der AG Odonatenfauna
Sachsen-Anhalt der
Entomologen-Vereinigung Sachsen-Anhalt e.V.
(EVSA)

Nr. 2  - Februar 1998 -  Magdeburg

Herausgeber: Entomologen-Vereinigung Sachsen-Anhalt e.V.
Redaktion:
, Frankefelde 3, 39116 Magdeburg

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Vorübergehend folgt hier noch die alte Fassung:

EDITORIAL

Wir befinden uns in einer ganz besonders spannenden Zeit der Dynamik der Libellen-Vorkommen. Nicht nur, daß nach der Wende durch Untersuchungen zur Umweltverträglichkeit von Planungen und Maßnahmen auch gezielt "professionelle" Studien vorgenommen wurden, sondern weil sich ganz offensichtlich durch Veränderungen der ökologischen Valenzen (insbesondere infolge Verbesserung der Gewässergüte der Fließgewässer, Klimaerwärmung) bei noch naturnaher Ökomorphologie einige Arten wieder vermehren können und deshalb nun wieder mehrfach nachgewiesen werden. Dies gilt in Sachsen-Anhalt offensichtlich für C. splendens, C. virgo, E. viridulum, G. flavipes, G. vulgatissimus, O. cecilia, A. affinis, C. boltoni, O. coerulescens (?) u. a. spec.? Ich mache ausdrücklich auf diese Tendenzen zur Veränderung in der heimischen Odonatenfauna aufmerksam und bitte um gezielte Nachsuche an geeigneten Gewässern oder Gewässerabschnitten. Es erscheint sehr sinnvoll, einige Fundort unter ständige Kontrolle zu nehmen, sozusagen in einem eigenen Monitoring-Programm, um den aktuellen Verlauf dieser Dynamik verfolgen zu können. Außerdem verweise ich in diesem Zusammenhang auf den Beitrag von A. Martens aus Braunschweig über Cercion lindenii. Es gilt, diese empfindliche (geradezu peinliche) Lücke in Sachsen-Anhalt bald zu schließen. In dieser Hoffnung verbleibe ich inzwischen mit den besten Grüßen und Wünschen für ein erfolgreiches Jahr 1998 ...- JoMü

MITTEILUNGEN

Aktuelle Funde von Cercion lindenii in Salzgitter - nur 15 km von der Landesgrenze Sachsen-Anhalts entfernt
In Niedersachsen nördlich des Harzes wurde seit 1993 Cercion lindenii alljährlich nachgewiesen. In kürze erscheint dazu ein Aufsatz (Martens, A & Wimmer, W. (1997): Die Pokaljungfer Cercion lindenii (Selys) im nördlichen Vorharz (Odonata: Coenagrionidae).- Braunschweiger naturkundliche Schriften 5(2): 343-352.). Die 6 Fundorte sind allesamt gekennzeichnet durch nachhaltig anthropogene Einflüsse. Es handelt sich u. a. um einen Badeteich auf einem Campingplatz und drei alte Erzabbaugruben, in zweien dominiert dort auch noch das aus Amerika eingeschleppte Tausendblatt Myriophyllum heterophyllum. Der nördöstlichste Fundort ist der Tagebausee "Hannoversche Treue" bei Salzgitter-Engerode. Liebe Nachbarn, mit Funden in Sachsen-Anhalt ist unbedingt zu rechnen! - (s. u. Literatur-Angabe Nr. 38).
Dr. Andreas Martens, Zool. Inst. der TU, Spielmannstr. 7, 38092 Braunschweig

Kurzübersicht eigener Odonatenfunde im ehemaligen Landkreis Staßfurt für den Zeitraum 1980 bis 1996
Als Folge der Kreisgebietsreform im Jahre 1993 ist der Landkreis Staßfurt (SFT) in seiner früheren Form nicht mehr existent. Der größte Teil des ehemaligen Kreisgebietes wurde mit dem Landkreis Aschersleben zum neuen Landkreis ”Aschersleben-Staßfurter Landkreis” (ASL) zusammengeschlossen. Die Gemarkung Kroppenstedt gehört jetzt zum Bördekreis, der Raum Güsten zum Landkreis Bernburg und die Gemarkungen Atzendorf, Förderstedt und Löbnitz zum Landkreises Schönebeck. - Um dennoch die ehemals begonnene Erfassung für ein abgeschlossenes Territorium zum Abschluß zu bringen, wurde die Auswertung noch für das ehemalige Gebiet des alten Landkreises Staßfurt vorgenommen. Als Kurzübersicht soll an dieser Stelle eine tabellarische Zusammenfassung der Ergebnisse der Odonatenerfassung innerhalb des ehemaligen Landkreises SFT mit dem Kenntnisstand bei Erscheinen der jeweiligen Publikation gegeben werden (s. Lit.-Nr. 3 bis 5). Auf zwischenzeitlich neu festgestellte Arten wird nicht eingegangen.

Um das Gefährdungspotential der nachgewiesenen Odonatenarten einschätzen zu können, wurde zur Einordnung der nachgewiesenen Arten die Rote Liste der gefährdeten Libellenarten des Bundeslandes Sachsen-Anhalt (RL) (Müller & Buschendorf 1993) genutzt.
Eine ökologische Klassifizierung der vorgefundenen Arten wird entsprechend der Zuordnung zu ökologischen Gruppen (ÖG) nach Donath (1987) vorgenommen. Dabei werden in der Tabelle folgende Kürzel verwendet:

  • rF : rheophile Fließwasser-Arten (F nach Donath 1987)
  • tF : thermophile Fließwasser-Arten (FW)
  • eFS : euryöke Fließwasser-See-Arten (FSW)
  • sS : stenöke See-Arten (S)
  • eT : euryöke Tümpel-Arten (TW)
  • eM : euryöke Moor-Arten (MW)
  • sW : stenöke Weiher-Arten (W)
  • M : Moor-Tümpel-Arten (TWM)
  • eW : euryöke Weiher-Arten (WFM)
  • sT : stenöke Tümpel-Arten (T)
  • U : Ubiquist (WMSF)

Weiterhin wurden die Funde entsprechend ihrer zoogeographischen Herkunft (ZGH) (Müller 1997 nach Quentin 1960) eingeordnet. Dabei bedeuten:

  • ö : eurosibirisches Faunenelement (östlich verbreitete Arten),
  • s : mediterranes Faunenelement (südlich verbreitete Arten),
  • ü : überleitende Gruppe.

Die relative Häufigkeit (rH) ist nach den Funden in den einzelnen Gebieten der Odonatenkartierung in % angegeben und bezieht sich auf das Verhältnis der Anzahl der durch die jeweilige Art besetzten Gewässer zur Gesamtzahl der untersuchten Gewässer. Insgesamt wurden 26 Gewässer des ehemaligen Kreisgebietes in die Untersuchung einbezogen (siehe Lotzing 1987, 1989, 1991). Die im Rahmen der o.g. Erfassung der Odonatenfauna im ehemaligen Landkreis SFT nachgewiesenen 30 Odonatenarten sind in der folgenden Tabelle aufgelistet:

Wiss. Artname

ÖG

ZGH

rH %

RL

Zygoptera

Calopteryx splendens

rf

s

23,10

3

Sympoecma fusca

eW

s

34,00

-

Lestes barbarus

sT

s

30,80

3

Lestes dryas

sT

ö

7,70

3

Lestes sponsa

U

ö

76,90

-

Lestes virens

eM

s

23,10

2

Chalcolestes viridis

eW

s

69,20

-

Platycnemis pennipes

eFS

ü

7,70

-

Pyrrhosoma nymphula

U

ü

3,85

-

Ischnura elegans

U

ü

50,00

-

Coenagrion puella

U

ü

61,54

-

Coenagrion pulchellum

U

ü

65,38

-

Enallagma cyathigerum

U

ö

80,77

-

Erythromma najas

U

ü

23,08

-

Erythromma viridulum

sW

s

11,54

2

Anisoptera

Brachytron pratense

U

s

11,54

-

Aeshna cyanea

eW

ü

34,62

-

Aeshna grandis

U

ö

15,38

-

Aeshna mixta

U

ü

50,00

-

Anax imperator

eW

s

42,31

-

Anax parthenope

sS

s

23,08

3

Somatochlora metallica

eFS

ö

11,54

-

Libellula quadrimaculata

U

ö

52,00

-

Libellula depressa

eT

ü

24,00

-

Orthetrum cancellatum

U

s

48,00

-

Sympetrum danae

eM

ö

8,00

-

Sympetrum flaveolum

M

ö

76,00

-

Sympetrum pedemontanum

tF

ö

16,00

3

Sympetrum sanguineum

eW

s

52,00

-

Sympetrum vulgatum

U

ö

96,00

-

Hinsichtlich ihrer zoogeographischen Herkunft (nach Quentin 1960) gehören 10 Arten der eurosibirischen, 11 der mediterranen und 9 Arten der überleitenden Gruppe an. 7 Arten (23,3 %) sind in der aktuellen Roten Liste des Landes Sachsen-Anhalt eingeordnet.

Literatur:
Donath, H. (1987): Vorschlag für ein Libellen-Indikatorsystem auf ökologischer Grundlage am Beispiel der Odonatenfauna der Niederlausitz. Ent. Nachr. Ber. 31 (5): 213-217. - Jurzitza, G. (1988): Welche Libelle ist das ? Die Arten Mittel- und Südeuropas. KOSMOS Frankh. Stuttgart 1988. - Lotzing, K. (1987): Beiträge zur Faunakartierung des Kreises Staßfurt. 2. Die Segellibellen. Abh. Ber. Naturkd. Magdeburg XIII: 85 -93. - Lotzing, K. (1989): Beiträge zur Faunakartierung des Kreises Staßfurt. 3. Die Kleinlibellen (Teil 1). Abh. Ber. Naturkd. Magdeburg  XIV: 17-24. - Lotzing, K. (1991): Beiträge zur Faunakartierung des Kreises Staßfurt. 4. Die Großlibellen. Familien Edellibellen und Falkenlibellen. Abh. Ber. Naturkd. Vorgesch. Magdeburg XV: 73-82. - Müller, J. (1997): Zoogeographische und ökologische Analyse der Libellenfauna (Insecta, Odonata) des Landes Sachsen-Anhalt. Abh. Ber. Naturkunde, Magdeburg 19: 3-11. - Müller, J. & J. Buschendorf (1993): Rote Liste der Libellen des Landes Sachsen-Anhalt. Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. 1993 (3): 13-16. - St. Quentin, D. (1960): Die Odonatenfauna Europas, ihre Zusammensetzung und Herkunft. Zool. Jb., Syst. 87 (4/5): 301-331.
Dip.-Ing. Klaus Lotzing, Str. der Deutschen Einheit 7, 39418 Staßfurt

Ergebnis der "Aktion flavipes 1997"
In den Jahren 1996 und 1997 wurde an der Elbe zwischen den Strom-km 168 (sw Großtreben) und 568 (Lauenburg) in den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig -Holstein u. an der Weser südlich Bremen zwischen km 351 (Bollen, rechtes Ufer) u. 353 (Bollerholz, linkes Ufer) Gomphus (Stylurus) flavipes flavipes als bodenständig nachgewiesen. Insgesamt wurden mehr als 300 Larven, Exuvien, Flügel, schlüpfende, subadulte u. ausgefärbte Imagines gefunden. Dies sind Erstnachweise für Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern u. die Weser sowie Wiederfunde nach 85 Jahren für Schleswig-Holstein.
Das von G. flavipes relativ dicht besiedelte Elbe-Einzugsgebiet (Elbe-Havel-Spree) bildet an der nordwestlichen Verbreitungsgrenze der Art in Europa vermutlich ein inzwischen ausreichend großes, stabiles Reservoire für die Wiederbesiedlung der westdeutschen großen Flüsse und Ströme u. besitzt damit überregionale Bedeutung. Ein Ausbau der Elbe zum steinbepackten Schiffahrtskanal für ”Europa-Schiffe” würde den Fortbestand der Art hier sehr gefährden. In keinem Falle wurden an der Elbe an mit Steinpackungen verbauten, buhnenfeldfreien Ufern Exuvien gefunden. Starke Nutzung der Flußufer durch Vertritt trinkender Pferde, Rinder u. Schafe u. stärkeren Boots- u. Schiffverkehr u. damit verbundenem starken Wellenschlag, wie beispielsweise durch intensive Freizeitnutzung bei Lauenburg oder bei Bremen, verkraften die Larven bei ansonsten passender Ökomorphologie ihn den naturnahen Buhnenfeldern offenbar (ohne weiteres?).
G. flavipes gilt somit zweifellos als stenöke Fließwasser-Art u. dabei insbesondere als Indikator für ökologisch intakte, d.h. für beruhigte Gleithangzonen natürlich mäandrierender Flußabschnitte oder für naturnahe strömungsarme Buhnenfelder als Sekundärbiotope. Da ihre Larven eine mehrjährige Entwicklungszeit in den Sand- und Schlickzonen der als Ersatzbiotope für Gleithangzonen fungierenden (Gleithang-) Buhnenfelder der Elbe durchlaufen u. damit langfristig in ihrer Nische die (noch relative) Naturnähe dieser Flußabschnitte indizieren u. sich durch Exuvien-Funde über einige Tage hinweg leicht dokumentieren lassen, sollte G. flavipes als herausragende Indikator-Art im Monitoring für die ”Ökosystemare Umweltbeobachtung (ÖsUB)” bzw. zur ”Ökologischen Flächenstichprobe (ÖFS)” des Biosphärenreservates Flußlandschaft Elbe genutzt werden.
Hinzu kommt, daß G. flavipes nach Anhang IV der FFH-Richtlinie (92/43/EWG vom 21.05.1992) unter dem Synonym Stylurus flavipes als ”streng zu schützende Art von gemeinschaftlichem Interesse” für den Schutz der wenigen offenbar noch naturnahen Biotopstrukturen in den Buhnenfeldern großer mitteleuropäischer Flüsse eine europaweite Bedeutung besitzt und besonderer Schutzbemühungen bedarf. Ausführliche Darstellung s. u. Lit.-Angabe Nr. 41.
J. Müller & R. Steglich, MD

Aeshna affinis hat 1996 / 1997 erfolgreich überwintert
Während der Untersuchungen im Rahmen der o.g. ”Aktion flavipes” wurden auch Kontrollen an den vorjährigen Fundplätzen in den Retentionsflächen der Elbe von A. affinis durchgeführt. Nachdem wir die Art am 07.06.1997 an einer unserer ”Monitoring-Stellen” im Biosphärenreservat Mittlere Elbe, am inzwischen bereits ausgetrockneten Tümpel innendeichs unmittelbar am Deichfuß östlich Breitenhagen, vergebens gesucht hatten, fanden wir am 03.08.1997 ebendort 7 revierverteidigende Männchen im typischen Flug über der Vegetation u. in der Sitzwarte im lockeren Röhricht (Belegfotos). In dem Tümpel stand nun wieder etwas Wasser u. hatte ganz offensichtlich zur Entwicklung u. zum Schlupf der Art geführt. Wie zuvor schon öfter, kam am gleichen Standort wiederum Lestes barbarus gleichzeitig vor.
In Bezug auf die in ”Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt 33 (1/1996): 2” aufgeworfene Frage nach dem Überwinterungsstadium kann nun nach mdl. Mitteilung von Dr. Ott (Braunschweiger EFG-Tagung 26.10.1997) festgestellt werden, daß A. affinis im Eistadium überwintert u. sich somit erfolgreich etabliert hat u. zur indigenen Fauna gehört. J. Ott nannte auch für die Rhein-Niederung die Art als autochthon.
Ob dies, durch Klimaerwärmung bedingt, von Dauer ist, müssen die nächsten Jahre erweisen. Sie sollte dann alsbald in der Roten Liste anders eingestuft werden. Darüber wurde auf der EFG-Tagung in Braunschweig in der Sektionssitzung der Odonatologen mit dem Bearbeiter der aktuellen Roten Liste Deutschlands, Dr. Jürgen Ott aus Kaiserslautern, intensiv diskutiert.
J. Müller & R. Steglich, MD

Aufruf zur Mitarbeit: Anax parthenope in Sachsen-Anhalt
Wie sich zunehmend herausstellt, gibt es in Mitteleuropa, beginnend im Braunschweigischen (s. Martens 19) über das Große Bruch, die Bode-, Saale- und Elbe-Niederungen, insbesondere in den Sekundärgewässern der Bergbau -folgelandschaften, bis nach Sachsen u. Thüringen hinein, ein deutlich begrenztes ”Areal” der Kleinen Königslibelle. Zusammen mit den Braunschweiger Odonatologen ist beabsichtigt, dieses Vorkommen in einem zusammenfassenden Beitrag darzustellen. Dafür erbitte ich, wie schon in pedemontanum 1, Zuarbeiten (Lit.-Hinweise u. noch nicht veröffentlichte Fundmeldungen). - Unruh hat erst kürzlich darüber publiziert (s. u. Lit.-Angabe Nr. 44) und einen Beitrag über die Vorkommen im Süden Sachsen-Anhalts verfaßt, der demnächst in ”Entomologische Mitteilungen Sachsen-Anhalt” der EVSA e.V. erscheinen soll.
J. Müller, MD

Zur Bedeutung von UVP für die Odonaten-Faunistik
Das Umweltverträglichkeitsgesetz (UVPGes) fordert bei bestimmten Bauvorhaben, die mit wesentlichen Eingriffen in Natur u. Landschaft verbunden sind, frühzeitige u. umfassende Beschreibung, Ermittlung und Bewertung der Auswirkungen des Vorhabens auf die Umwelt. Zu den natürlichen Schutzgütern, die dabei zu berücksichtigen sind, gehört u.a. auch die Fauna des Vorhabensgebietes. Um die Schutzgüter des Vorhabensgebietes u. ihre Beeinträchtigungen durch das jeweilige Vorhaben fest-zustellen, ist im Rahmen der UVP eine UVStudie anzufertigen. Allerdings ist weder im UVPGes noch in anderen gesetzlichen Regelungen Genaueres darüber ausgesagt, welche Tiergruppen mit welcher Methodik zu untersuchen sind. In § 6 (4) Ziffer 2 UVPG wird lediglich eine "Beschreibung der Umwelt und ihrer Bestandteile unter Berücksichtigung des allgemeinen Kenntnisstandes und der allgemein anerkannten Prüfungsmethoden" verlangt. Es hat sich in der Praxis der UVP bewährt, solche Tiergruppen für die Untersuchung festzulegen, die bioindikatorische Eignung aufweisen, d.h. aus deren Vorhandensein die besten Rückschlüsse auf den Zustand der Landschaft möglich sind. Inzwischen gibt es in der Fachliteratur dazu genauere Empfehlungen.
Die im Rahmen von UVS durchgeführten Libellenbeobachtungen stellen z. T. recht brauchbare Ergänzungen unserer Kenntnisse über die Odonatenfauna dar. Aller-dings darf man nicht alle dort angegebenen Ergebnisse unkritisch übernehmen. Es bestehen leider sehr große qualitative Unterschiede zwischen einzelnen UVS. Oft schränken methodische Fehler die Aussagekraft der Beobachtungen ein. So werden in einer UVS zu einem Teilstück der Rohstoffpipeline Rostock-Böhlen in drei Konfliktzonen (Saalequerung, Floßgraben, Salzgrasland bei Bündorf) nur vier Odonatenarten: C. splendens, I. elegans, I. pumilio, C. pulchellum festgestellt. Eine Erklärung für die geringe Artenzahl kann der gewählte Beobachtungszeitraum sein (wenige Beobachtungstermine zwischen M/04 u. A/06 u. fast nur in den Vormittagsstunden). - Es ist überhaupt ein Nachteil vieler UVS, daß infolge Zeitdruck die Beobachtungszeiträume u. -termine nicht den Anforderungen an qualitativ hochwertige Untersuchungen genügen. In manchen UVS werden Libellen nur als Zufallsfunde angegeben. Ein Beispiel dafür ist die UVS zur Ortsumgehung Dieskau - Döllnitz, in der unter der Rubrik "Beobachtungen aus anderen Tiergruppen" nur zwei Libellenarten (S. pedemontanum u. S. vulgatum) aufgeführt werden. Wenn auch der lokalfaunistische Wert solcher Angaben zunächst gering ist, sind sie doch Hinweise auf Odonatenhabitate und sollten Anlaß sein, dort intensivere Beobachtungen durchzuführen. - Eine UVS zur Bundesautobahn A14 Halle - Magdeburg führt für einen Teilabschnitt zwar 21 Libellenarten an, macht jedoch keine Angaben zu den Fundpunkten. Auf den ersten Blick mag eine solche Arbeit für den Lokalfaunisten völlig bedeutungslos sein. Doch können hier Nachfragen bei den Verfassern der UVS bzw. den Bearbeitern nach den Primärdaten Erfolg haben. - Anderen UVS dagegen können aber sehr wertvolle u. für die Faunistik brauchbare Angaben über Libellen entnommen werden. So wurden bei den Untersuchungen zur UVS zum geplanten Porphyrsteinbruch Lerchenhügel (Saalkreis) an zwei Weihergruppen 16 Libellenarten gefunden, darunter die RL-Arten E. viridulum u. S. striolatum. Die Beobachtungstermine lagen zwischen E/06 u. M/09, so daß auch Herbstarten erfaßt werden konnten. Die sehr detaillierte Darstellung reicht von Angaben zum Untersuchungsgebiet über solche zu Methodik, Artenlisten, Angaben zum RL-Status, Beurteilung der faunistischen Verhältnisse u. des Eingriffs, Vorschlägen zur Durch-führung der Eingriffe unter Schonung der Libellenfauna bis zu einem für eine UVS relativ umfangreichen Literaturverzeichnis. - Ein Musterbeispiel für die Einbeziehung der Libellenfauna in eine UVP ist die UVS zum Bebauungsplan-Gebiet Heide/Süd in Halle/Saale. Die 25 spec. stellen 76 % des halleschen Artenbestandes dar. Darunter befinden sich die RL-Arten : C. splendens, I. pumilio, L. barbarus, L. virens, E. viridulum, A. parthenope, S. pedemontanum, S. striolatum. Im Ergebnis sind Vorschläge für Schutz-, Pflege- u. Entwicklungsmaßnahmen des Gebietes enthalten, die die Erhaltung der Odonatenpopulationen dieses Gebietes zum Ziele haben. Diese Arbeit stellt eine wertvolle Bereicherung unserer Kenntnisse über die Odonatenfauna Halles dar. - Es kann also für den Odonatologen von Nutzen sein, sich bei der jeweiligen Naturschutzbehörde nach UVS (u. landschafts-pflegerischen Begleitplänen) zu erkundigen und um Einsicht in den faunistischen Teil zu bitten.
Dr. Jürgen Buschendorf, Ahornring 61, 06184 Zwintschöna

(Anmerkung: Die Naturschutzfachbehörde erarbeitet gegenwärtig für Sachsen-Anhalt eine Übersicht über die in UVS u.ä. Untersuchungen berücksichtigten Organismengruppen. - JoMü).

LITERATUR

Hier werden Arbeiten zur Odonatenfauna Sachsen-Anhalts und angrenzender Gebiete fortlaufend und möglichst aktuell aufgelistet und fortlaufend numeriert:

28. Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (Hrsg.) (1997): Die Naturschutzgebiete Sachsen-Anhalts. - Jena; Stuttgart; Lübeck; Ulm: G. Fischer. - 68.00 DM. - (Angaben zu Libellenvorkommen).

29. Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (Hrsg.) (1997): Arten- und Biotopschutzprogramm Sachsen-Anhalt. Landschaftsraum Harz. - Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt, Sonderheft 4/1997: 364 Seiten u. 5 Farbkarten. - (Libellen - S. Förster: 183-187).

30. Blischke, H., C. Braun, Ö. Kissling & Ch. Veen (1997): Beitrag zum Pflege- und Entwicklungsplan für den Rödel. - Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt 34 (1): 25-38. (bei Freyburg/Unstrut u.a. L. virens, L. barbarus, I. pumilio, A. affinis).

31. Eggers, T.O., K. Grabow, C. Schütte & F. Suhling (1996): Die Flußjungfern (Odonata: Gomphidae) der südlichen Allerzuflüsse, Niedersachsen. - Braunschw. naturkdl. Schr. 5 (1): 21-34.

32. Federschmidt, A. (1997): Die Libellen des Kühnauer Sees. - Naturw. Beiträge Museum Dessau, Sonderheft 1997: 78-84.

33. Kraatz, R. (1992): Ökologische Untersuchungen am Grabensystem des Drömlings zur Eignung der Schwimmkäfer (Coleoptera: Dytiscidae) als Indikator- und Zielartengruppe für die Bewertung von Feuchtgebieten und dort durchgeführten biotopverbessernden Maßnahmen. - Diss. Naturwiss. Fak. TU Braunschweig: 202 Seiten - (Indikation im Vergl. zu Odonaten u. Mollusken).

34. Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (Hrsg.) (1996): Gewässergütebericht Sachsen-Anhalt 1996 (u. a. mit Gewässergütekarte der Fließgewässer  und Ergebnissen der biologisch-ökologischer Untersuchungen, in Tabellenform Odonata bei Saprobien-Index).

35. Lempert, J. (1997): Die Einwanderung von Sympetrum fonscolombii (Selys) nach Mitteleuropa im Jahre 1996 (Anisoptera: Libellulidae). - Libellula 16 (3/4): 143-168.

36. Lotzing, K. (1996): Ein Beitrag zum aktuellen Kenntnisstand der Verbreitung von Calopteryx splendens Harris in Sachsen-Anhalt. - Entomol. Nachr. Ber.40 (1)  S. 19 - 22

37. Lüderitz, V., B. Berndorff, U. Langheinrich, R. Ziegler & C. Lange (1997): Nährstoffverhältnisse, Planktonbesiedlung und Makroinvertebratenfauna im Kühnauer See. - Naturwiss. Beiträge Museum Dessau, Sonderheft 1997: 85-98 (mit Odonatenlarven-Tabelle für entschlammten u. nicht entschlammten Teil).

38. Martens, A. & W. Wimmer (1997):  Die Pokaljungfer Cercion lindenii (SELYS) im nördlichen Vorharz (Odonata: Coenagrionidae). Braunschw. naturkdl. Schr. 5 (2): 343-352.

39. Müller, J. & R. Steglich (1997): Zwischenergebnis 1997 zum aktuellen Vorkommen von Gomphus flavipes in der Elbe von Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und der Weser bei Bremen. - Hagenia Nr. 14: 21-22.

40. Müller, J. (1997): Mittellandkanal und Elbe als Refugien gefährdeter Keiljungferarten. - Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt 34 (1): 52-56.

41. Müller, J. (1997): Gomphus (Stylurus) flavipes (Charpentier) in der Elbe von Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie in der Weser bei Bremen (Anisoptera: Gomphidae). - Libellula 16 (3/4): 169-180.

42. Tappenbeck, L. (1997): Die Entwicklung der aquatischen Lebensgemeinschaft in der Bode nach industrieller und natürlicher Aufsalzung im Bereich der Ortschaft Staßfurt 1992-1995 im Landkreis Aschersleben-Staßfurt/Sachsen-Anhalt (Deutschland). - Limnologica 27 (1): 129-142 (mit tabell. Darstellung Saprobien-Index mit Odonaten -Larvenfunden bei Egeln-N, Staßfurt u. Neugattersleben)

43. Unruh, M. (1992): Anaciaeshna isosceles (Müller, 1767) im Zeitzer Gebiet (Odonata). - Entomol. Nachr. Ber. 36: 140.

44. Unruh, M. (1993): Kleine Königslibelle, Anax parthenope Selys, 1839 - Beobachtungen in Thüringen. - Mauritiana 14 (2): 147-148.

45. Westermann, A. (1994): Libellenbeobachtungen in ausgewählten Gebieten des Landkreises Quedlinburg. - Unveröff. Manuskript: 44 Seiten, Fotos u. Karten.

46. Bretschneider, P. (1997): Libellenfauna des Salzatales zwischen Langenbogen und Köllme. Eine Erfassung von Libellenarten im Rahmen eines Betriebspraktikums bei der Naturschutzstation Saale. - Unveröff. Manuskript: 22 Seiten, Fotos, Karte.

47. Buttstedt, L. (1997): Faunistische Untersuchungen in der Gipskarstlandschaft Südharz - Das Durchbruchstal der Nasse. - Gipskarst im Landkreis Sangerhausen Heft 1997: 75-84 (u.a. 19 Odonaten-Spec.)

48. Zimmermann, W. (1997): Die Südliche Mosaikjungfer - Vermehrungsgast oder Neubürger unter unseren Libellen? - Landschaftspflege u. Naturschutz in Thüringen 34 (4): 98-101.

49. Ott, J. (1993): Auswirkungen des Besatzes mit Graskarpfen auf die Libellenfauna einer Kiesgrube bei Ludwigshafen. - Artenschutzreport 1993 (3): 6-11.

50. Lückmann, J. (1997): Die Libellenfauna an einem Restloch im Tagebaugebiet Delitzsch-Südwest / Sachsen (Odonata). - Entomol. Nachr. Ber. 41 (2): 133-135.

Folgende Fachzeitschriften sind zuletzt erschienen:

Hagenia (Mitteilungsblatt des deutschen Büros der Societas Internationalis Odonatologica und der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen e.V.):
 Nr. 14 vom 1. Sept. 1997, pp. 1-28. - Nr. 15 vom 1. März 1998, pp. 1-20.

Libellula (Zeitschrift des Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (GdO) e.V.):
 Supplement 1 (1997): Fliedner, H.: Die Bedeutung der wissenschaftlichen Namen europäischer Libellen. 1-111.
 Bd. 16 (1997), Hefte 1/2 und 3/4

Odonatologica (Journal of the Societas Internationalis Odonatologica S.I.O.):
 1997: Vol. 26, No. 1 (March1, 1-120), 2 (June 1, 121-248), 3 (September 1, 249-374) und 4 (December 1, 375-506), jeweils mit umfangreichen Odonatological Abstracts.

Notulae Odonatologicae (semiannual bulletin S.I.O): 1997, Vol. 4 No. 9 (June 1, 137-152), No. 10 (December 1, 153-164).

Selysia (A Newsletter of Odonatology, S.I.O.): Vol. 25 No. 2.

TAGUNGEN

16. Jahrestagung der GdO, 14.-16. März 1997 in Nürnberg; Tagungsband mit Vortragskurzfassungen. - Aus Sachsen -Anhalt: Müller, J.: Zur Bedeutung der indigenen Neubürger Aeshna affinis und Gomphus flavipes im Biosphärenreservat Mittlere Elbe/Flußlandschaft Elbe.

Tagung der Entomofaunistischen Gesellschaft e.V., 25.-26. Okt. 1997 in Braunschweig. Vortrag: Ott, J.: Die Ausbreitung mediterraner Libellenarten in Deutschland und Europa - Anzeichen einer Klimaerwärmung? - Sektion Odonaten: aus Sachsen-Anhalt: Müller, J.: Aktuelles zum Vorkommen von A. affinis, G. flavipes und O. cecilia an Elbe und Weser.

17. Jahrestagung der GdO, 20.-22. März 1998 in Bremen ...

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-  Titelabb. aus TÜMPEL, R. (1908): Die Geradflügler Mitteleuropas. Tafel IX. - Gotha. -
Redaktionsschluß: Januar 1998
Redaktion-Tel.: priv.: 0391 / 6313 874 oder dienstl.: 0391 / 567 1688

e-mail: [email protected]

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