Abstracts zu Hornissen (Hymenoptera, Vespidae)

Zunächst einige Angaben zur Biologie und zur Gefährlichkeit der Hornissen:

Markierte Hornissen wachen und ventillieren am Flugloch in einem Vogelnistkasten. Kalbescher Werder 1983.

Schlüpfende Hornissen- Arbeiterinnen in einer Wabe eines großen Hornissennestes.

Das "Problem" der Hornissen besteht darin, dass die meisten (unwissenden) Menschen Angst vor ihren Stichen haben. Dies ist aber für einen gesunden Menschen eigentlich kein Problem.

Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass der Sinn des Hornissenstiches (und natürlich seines Giftes) darin besteht, abzuwehren - und zwar durch sofortigen Schmerz (beim Stich) abzuwehren und nicht zu töten. Gifte sollen nur dann töten, wenn damit eine Nahrungsbeschaffung verbunden ist. Dies ist bei Schlangen der Fall, die durch Töten mit Gift (z.B.) ihre Mäuse fangen müssen ... - Bei der Hornisse setzt sich das Gift ebenso wie bei den übrigen Wespen und den Bienen aus Polypeptiden (Aminosäuren) und Proteinen (einfache Eiweiße) sowie niedermolekularen biogenen Aminen zusammen. Es fällt auf, dass es sich bei diesen niedermolekularen Substanzen insbesondere um Histamin, Serotonin und Acetylcholin (5 % !) handelt, die wegen rascher Metabolisierung ("Verstoffwechslung") keine allgemeintoxische Bedeutung haben, kombiniert aber besonders schmerzerzeugend (einen abschreckenden Warnreiz erzeugend !) wirken sollen !

Bei einem Stich entleeren die Wespen pro Stich etwa 0,3 bis 0,5 mikro-Liter Flüssigkeit. Das entspricht einer Menge, die weit unter der mittleren akuten letalen Dosis (LD 50) bei Mäusen und Ratten liegt. Das bedeutet, dass ein gesunder Mensch einen oder auch mehrere Hornissenstiche ohne Lebensgefahr übersteht. Ich selbst habe mehrmals mehrere Stiche und sogar einmal mindestens 12 Hornissenstiche ganz gut überstanden (weil ich in Imkerschutzkleidung von einem Schwarm wütender Hornissen angefallen wurde, deren Nest, das ich umsetzen wollte, beim Öffnen einer Schuppentür zerrissen wurde ...).

Die Toxizität des Hornissengiftes ist damit keinesfalls höher, eher geringer, als das der anderen Wespen und Bienen, jedoch schmerzhafter (um sofort einen vermeintlichen Nestzerstörer abzuwehren). Das Risiko eines solchen Stiches liegt also weniger darin, dass bzw. wohin man gestochen wird und liegt auch nicht in der Art der stechenden Wespe. Vielmehr reagieren einige (wenige) Menschen qualitativ andersartig auf das Gift im Sinne einer allergischen Reaktion.

Normalerweise führt bekanntlich eine Zufuhr von Eiweiß (Antigen) zu einer Reaktion des Immunsystems, zu einer durchaus erwünschten Antikörperbildung, d.h. zu neutralisierenden Antikörpertypen (wie bei einer Schutzimpfung genutzt). Im Gegensatz dazu bilden aber manche Menschen vorwiegend anaphylaktische Antikörper, die sich in die Oberfläche von bestimmten Zellen einlagern. Erfolgt eine erneute Antigenzufuhr - z.B. durch einen weiteren Wespenstich -, so läuft dann eine allergische Sofortreaktion vom anaphylaktischen Typ ab. Diese hat nicht das Geringste mit der eigentlichen Toxizität der Wespenstiche zu tun, aber alles mit deren Antigenität. Derartige Reaktionen treten schnell - innerhalb von Minuten - ein und können sich äußern:

  • im leichtesten Falle in einer weit über die Norm hinausgehenden Schwellung und Rötung um die Einstichstelle,
  • im nächststärkeren Prozeß in einem akuten, über den gesamten Körper verbreiteten, meist juckenden Nesselfieber (urtikarielles Exanthem, Urtikaria),
  • in kritischen Fällen in einer ödematösen Reaktion der Schleimhäute der Luftwege, wodurch es zur Erstickung kommen kann, oder
  • in lebensbedrohlicher anaphylaktischer Schockreaktion (“Überempfindlichkeitsreaktion”) mit Todesfolge.

Das normale verbleibende Restrisiko, in dörflichen Ansiedlungen oder in Stadtrandlage von einer Hornisse gestochen zu werden, liegt bei 1:10 Millionen (in den USA ermittelt) oder 1:5 Millionen (in England).

Inzwischen gibt es in verschiedenen Organisationen oder auch den Naturschutzbehörden eine Anzahl von Informationsbroschüren zu diesem Thema.

Zur Biologie der Hornissen (Schema von der Aktion 1982/83):

Durch eine einzelne Hornissenkönigin wird im Frühjahr eine erste Wabe gebaut und mit Eiern belegt, aus denen alsbald erste Arbeiterinnen schlüpfen, die zunehmend den weiteren Bau des Nestes (Umkleidung, Klimatisierung) und die Versorgung der Königin und der Brut übernehmen und so das Familienvolk (den"Hornissenstaat") vermehren. Zum Spätsommer schlüpfen in größeren Zellen die Männchen (Drohnen), die die inzwischen geborenen Weibchen ("potentielle Königinnen") außerhalb des Nestes begatten. Das Volk stirbt dann mit zunehmendem kalten Wetter (bis zu ersten Frösten) ab. Die begatteten Königinnen überwintern einzeln in gut versteckten, geschützten Höhlen und beginnen im Frühjahr mit einem neuen Nestbau... Sie beziehen nie wieder alte vorjährige Nester !

Zum Vorkommen der Hornissen in unserer Region s. die folgende Publikation und Verbreitungskarte:

 

  • Müller, J. (1983): Bemerkungen über das durch die Anpassungsfähigkeit und synanthrope Siedlungsweise der Hornisse (Vespa crabro L.) bestehende Restrisiko für den Menschen im urbanen Bereich. - Tagungsber. 2. Leipziger Symposium urbane Ökologie: 56-58.

Kurzfassung:
Zweijährige intensive Untersuchungen im Bezirk Magdeburg und erste Erfahrungen 1983 im DDR-Maßstab ergeben für 367 exakt anzugebende Standorte folgende Verteilung der Nester:

  • 40,1 % in Baumhöhlen,
  • 19,3 % in Nistkästen,
  • 16,6 % in unbewohnten bzw. zeitweise bewohnten Schuppen ... Hochsitzen,
  • 15,5 % in Wohnhäusern und Bungalows ...,

Neben diesen 4 wichtigsten Höhlenstandorten befanden sich:

  • 4,1 % unterirdisch in Grabenrändern ... Mauerresten,
  • 1,9 % in Hohlblocksteinen, Steinhaufen,
  • 1,1 % in Eisenstutzen ... Außendach.

Dabei wurden hohe Siedlungsdichten erreicht (in Auewäldern bis zu 1 Volk/km² bzw. in Stadtrandgebieten bis zu 4 Völker auf 2.500 m².

Neben einer genaueren Standortanalyse wird das gestehende ("vermeintliche") Risiko und das ("verbleibende") Restrisiko diskutiert (s. oben).

 

Hornissen-Nestfunde 1982 im Bezirk Magdeburg

Kreise

Höhlen - Standorte in

 

Baum

Haus

Sch

NK

Hstp

Sth

Erde

BM

Salzwedel

 

4

2

 

 

 

 

1

Osterburg

3

2

2

 

 

 

 

 

Klötze

2

 

 

45

 

 

 

 

Kalbe/Milde

1

3

 

3

 

 

 

 

Gardelegen

1

 

1

1

 

 

 

 

Stendal

 

1

1

 

 

 

 

 

Tangerhütte

9

1

 

 

 

 

1

 

Havelberg

7

2

 

1

1

 

 

 

Genthin

 

2

 

1

 

 

 

 

Burg

9

1

5

1

1

1

 

 

Wolmirstedt

2

1

 

1

 

 

1

 

Haldensleben

1

2

3

1

 

 

 

 

Magdeburg

5

 

 

1

 

 

 

 

Schönebeck

6

 

3

1

 

 

1

 

Zerbst

10

1

 

 

 

 

 

 

Staßfurt

8

1

1

 

 

 

 

 

Wanzleben

2

 

 

 

 

 

 

 

Oschersleben

1

 

 

 

 

 

 

 

Halberstadt

1

1

1

 

 

 

 

 

Wernigerode

1

 

1

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bez. Magdeburg

69

22

20

56

2

1

4

1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

175 Nester = 100 %

39,4
%

12,6
%

11,4
%

32
%

1,1
%

0,6
%

2,3
%

0,6 %

Legende: Sch = Schuppen, NK = Nistkasten, Hstp = Holzstapel, Erde = in Erdhöhle, BM = Betonmast.

 

Großes Nest in einer Gartenlaube in Gardelegen, 1982.

Nestbau nach der Umsetzung der ersten Wabe mit Königin in einen Nistkasten, Kalbescher Werder 1983.

Nest in einer Garage in Tangerhütte, 1982.